Ganz normale Pendlermorgen
148.000 Grenzgänger arbeiten in Luxemburg – und verursachen jeden Morgen und Abend Staus. Denn: Es gibt mehrere Varianten, wie man zu seinem Arbeitsplatz kommen kann. Leider nutzen einer Umfrage zufolge 94 % diejenige, sich alleine in das Auto zu setzen…, ärgert sich nicht nur Ekkehart.
Diese erste Variante geht so: Schnelles Frühstück und gestresstes Loseilen, um noch vor sieben Uhr an diesem und vor 7 Uhr 30 an jenem Nadelöhr vorbeizuflitzen, an dem sich der Verkehr bereits fünf Minuten später so schlimm staut, dass man eine halbe Stunde zu spät zur Arbeit kommt.
Auch falls dieses Manöver gelingt: es ist wenig entspannend. Erst recht nicht, wenn man am Arbeitsplatz noch einen Parkplatz suchen muss, weiß Ragnhild. Die Soziologin arbeitet seit August 2008 am Uni-Campus in Walferdange, wohnte aber monatelang weiter in Saarbrücken, weil sie keine preiswerte Wohnung fand. Sie erzählte von anstrengenden täglichen Autofahrten von je 90 bis 120 Minuten Dauer. “Ich komme meist richtig geladen an”, sagt sie. Von dem Direktbus der CFL, mit dem ich fahre, hatte Ragnhild schon gehört. Ich konnte sie überzeugen, das einmal auszuprobieren. So waren auch meine Busfahrten nicht mehr so langweilig. Aber jetzt ist sie umgezogen…
Die zweite Variante (von mir genutzt) beginnt ähnlich: Schnelles Frühstück und gestresstes loslaufen oder radeln, um den Bus oder den Zug zu erwischen. Dann kommt dieses so entspannende Gefühl hoch, es mal wieder geschafft zu haben. Jetzt kann man sich zurücklehnen und ein Nickerchen halten oder in Ruhe Zeitung lesen. Trotzdem ist es schön, wenn in Bonnevoie das Bahnhofshochhaus in Sicht kommt.
Über den Bahnhofsplatz strömen vor 8 Uhr 45 hunderte Menschen. Fast wie am Times Square in New York. Viele Pendler wechseln hier das Verkehrsmittel, stehen in vollen Bussen bis Hamilius oder Kirchberg, dann pilgern sie in Büros und Geschäfte. Ab 16 Uhr 30 dasselbe noch einmal – in die entgegengesetzte Richtung. Dennoch: Eigentlich sollten hier noch viel mehr Menschen unterwegs sein. Nur sechs Prozent der Grenzpendler nutzen den öffentlichen Transport. Alle anderen fahren mit dem Privatauto, obwohl die meisten über Stress klagen. Wie kann das sein? Und wie wird sich das entwickeln, bei steigenden Benzinpreisen und Pendlerzahlen? Werden in der Großregion Gespräche geführt, wie man die Transport-Infrastruktur und die Anbindung einzelner Verkehrsträger aneinander verbessern kann? Es scheint so. Nun wurde mit dem Bau einer Zugverbindung vom Bahnhof zum Kirchberg begonnen. Doch die ist frühestens 2012 fertig. Bis dahin bleibt die neue City noch das Ziel endloser Autokarawanen.
Für Pendler aus Trier gibt es sehr gute Zug- und Busverbindungen nach Luxemburg-Stadt. Chris arbeitet beim “Klimabündnis” im Quartier Gare. Sie nimmt den 118er-Bus, der Grenzpendler aus Trier in 50 Minuten direkt zum Kirchberg sowie über Hamilius zu den Kliniken bringt. Der Takt sei im Februar stark verbessert worden, erzählt sie. Statt je zwei Bussen fahren nun morgens und abends jeweils neun. Chris steigt am Hamilius um und sitzt nach 75 Minuten am Schreibtisch. Unterwegs hält der Bus an einem “Park and Ride” -Parkplatz am Grenzübergang. Da steigen viele Anzugträger zu – eine gute, aber noch ausbaufähige Anschlussmöglichkeit für Dorfbewohner.
In Richtung Minette-Region geht dagegen nichts ohne Auto. Silvia aus Trier arbeitet dort seit 1989 und fährt – nach einigen Versuchen mit Zug und Fahrgemeinschaften seit langem alleine im Pkw. Die Fahrgemeinschaften funktionierten wegen der unterschiedlichen Arbeitsschichten der KollegInnen nicht. Per Zug und Bus zu fahren würde mangels einer Direktverbindung ein dreimaliges Umsteigen erfordern. Bis Ende der Neunzigerjahre gab es noch keine direkte Verbindung per Autobahn, so brauchte Silvia 1,5 Stunden. Heute umfährt die Pädagogin die Hauptstadt und ist nach 50 bis 60 Minuten am Ziel. Sie erinnert sich: “In den frühen Achtzigerjahren haben wir gegen den Bau der Autobahn demonstriert, weil sie mitten durch den Trierer Stadtwald gelegt wurde. Jetzt bin ich froh darum.”
Ähnlich sieht es für Pendler aus belgischen und lothringischen Städten aus. Céline, die bei einer NGO arbeitet und in Metz wohnt, nimmt die Bahn. Sie kann zwischen zehn Zügen wählen, die zwischen 5 Uhr 38 und 8 Uhr in 50 Minuten nach Luxemburg fahren. Zurück gibt es zwischen 16 und 19 Uhr sogar 15 Züge. Ein sehr guter Takt und relativ kurze Fahrtzeiten – falls man nahe der Start- und Zielbahnhöfe wohnt und arbeitet. Auf diese optimierten Zugstrecken geht wohl die Steigerung der Passagierzahlen um 53 Prozent von 2004 bis 2007 zurück, die in einer TNS ILRES- Studie für das Umweltministerium kürzlich genannt wurden.
Martine lebt in einem Dorf bei Thionville. 15 Jahre lang ist sie als selbstständige Floristin mit dem Auto gefahren. “Es war eine echte Katastrophe, ich war immer im Stress, ständig im Stau. Aber ich hatte wegen flexibler Anfangszeiten keine Alternative.” Seit 2007 ist sie als Bürokauffrau bei der Zeitung “woxx” angestellt und hat feste Arbeitszeiten. “Ich fahre jetzt nur noch bis Mondorf zum Park and Ride-Parkplatz”. Hier halten alle halbe Stunde Busse der Linien 175 und 177, die in 50 Minuten von Remich über Mondorf in die Stadt fahren. So benötigt Martine nur noch eine Stunde. “Mit dem Auto würde ich wegen der Staus mindestens eine halbe Stunde länger brauchen”, sagt sie. Der Bus fährt auf einer eigenen Spur daran vorbei. “Der Parkplatz wird aber immer voller, so dass viele auf der Hauptstraße parken”, erzählt Martine. “Bald ist der Ort zugeparkt”. Sie hat auch den Zug getestet: “Der ist zwar schneller, aber ich brauche vorher lange zum Bahnhof und finde dort keinen Parkplatz.”
Ob Ragnhild oder Celine: Es bleiben viele Wünsche offen. Die nationalen Verkehrssysteme enden größtenteils noch immer an der Grenze. Aber nun wird ein grenzüberschreitender Verkehrsverbund geplant, der die Anschlüsse deutlich verbessern und für mehr Direktverbindungen aus größerer Entfernung sorgen soll. Dafür muss beiderseits der Grenzen in größerem Maßstab gedacht und geplant werden. Hoffen wir, dass das gelingt!
Kommentar von Ekkehart Schmidt-Fink in Zusammenarbeit mit www.ida-saarlux.de sowie www.ida-macht-fit.de
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