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Wettbewerbsfähigkeit und soziales Gleichgewicht schließen sich nicht aus

Arbeiten, um zu leben? Oder leben, um zu arbeiten? Der Fontagné-Bericht formuliert einen Lösungsweg

Veröffentlicht par KaptanListe die 21/12/2004 | 507 Ansichten

Die Mächtigen der Wirtschaft sehen sich in einen Weltkrieg der Konzerne versetzt.
“Wettbewerbsfähigkeit” bedeutet für sie, in einer weltweiten Konkurrenz zu niedrigsten Kosten die miesestmögliche Qualität auf den Markt zu werfen.

Zumindest stellt sich so europaweit das Erpressungsargument dar, um in dem weltweiten Wettlauf der Verschlechterung der Arbeits- und Lebensbedingungen den Bevölkerungen das Mitmachen zu lehren.

Der Fontagné-Bericht hingegen zeigt sich äußerst kritisch gegen derartige Begriffsbestimmungen von “Kompetitivität”. Der Begriff stamme eher aus der Wirtschaftspolitik, als dass er in der ökonomischen Wissenschaft selbst besonders hilfreich wäre.

Immerhin lassen sich in diesem Zusammenhang die unterschiedlichen Zielsetzungen des Lissabon-Prozesses in einen sinnvollen Bezug untereinander bringen, wie der folgende Auszug (unsere Übersetzung) aus dem Fontagné-Bericht zeigt.

Kompetitivität und soziale Kohäsion sind nicht antinomisch

Der in Lissabon gewählte Ansatz hat insbesondere das Verdienst, in Erinnerung zu rufen, dass die Vorstellung irrig ist, man müsse sich notwendiger Weise zwischen Sozialmodell und Wettbewerbsfähigkeit entscheiden. Die Wettbewerbsfähigkeit ist nicht das letzte Ziel von Wirtschaftspolitik, sondern stellt lediglich ein Zwischenziel dar. Das letzte Ziel bleibt die Wohlfahrt der Bevölkerung, welches unterschiedlich die Ziele gewichtet, wie die Verringerung der sozialen Ungleichheit, den Kampf gegen die Armut, die Bedeutung der sozialen Bindungen oder den Schutz gegen Krankheit gemäß den kollektiven Präferenzen.

Es wird häufig darauf hingewiesen, dass Europa, und damit auch Luxemburg, eine andere Grundentscheidung getroffen hat als etwa die USA, und zwar auf den verschiedensten Gebieten; aber im Hinbick auf die aufsteigenden Länder sind die Unterschiede durchaus noch krasser:
Doch der Wettbewerb auf den internationalen Güter- und Dienstleistungsmärkten, die arbeitsintensiv sind bezüglich unqualifizierter, aber auch qualifizierter Arbeitskräfte, vollzieht sich zunehmend mit diesen neuen Akteuren. Die Wettbewerbspolitiken müssen daher berücksichtigen, dass das internationale Umfeld in einem tiefen Wandel begriffen ist.

Im Übrigen haben der technische Fortschritt und die Erneuerung der Wachstumssektoren der Wirtschaft viel stärker der Modellbeschreibung des Ökonomen Joseph A. Schumpeter entsprochen seit dem Beginn des Jahrzehnts ab 1990. Die “schöpferische Zerstörung” und damit die Fähigkeit, schnell zu reagieren und über einen flexiblen Arbeitsmarkt zu verfügen sowie eine sich sehr dynamisch entwickelnde Population von Unternehmen, sind heutzutage das Herzstück der Wettbewerbsfähigkeit in denjenigen Sektoren, die das Wachstum wesentlich verkörpern.

Europa steht daher weltweit einer Umwelt konfrontiert, die sich wandelt, sowie einer vergleichsweisen Unangemessenheit seiner Wirtschaftsstrukturen im Hinblick auf die neue Wachstumsbedingungen. Die klassische Weise, dies Problem zu erledigen, besteht darin, sich zwischen dem Sozialmodell oder dem Wachstumsmodell zu entscheiden. Außerdem wird dann die Vorstellung vertreten, die neuen Bedingungen des Wachstums und des Wettbewerbs auf dem Weltmarkt hätten ihn dermaßen deformiert, dass er die Länder bevorzugen würde, die auf die Marktmechanismen gesetzt hätten. Demzufolge habe die Anhänglichkeit Europas an sein Sozialmodell seine möglichen Wachstumschancen eingeschränkt.

Demgegenüber besteht die Idee des Lissabon-Prozesses darin, dass die Wettbewerbsfähigkeit ausgebaut werden könne, nicht indem man in einem Wettlauf von Sozialabbau der Entwicklung in den USA hinterläuft, sondern indem man die Wettbewerbsfähigkeit und Sozialmodell zusammen und miteinander ausbaut und weiterentwickelt.

Diese Optionsmöglichkeiten werden im Fontagné-Bericht in gewohnter Ökonomenmanier durch ein Kurven-Diagramm veranschaulicht und erläutert.

Quelle:
« Compétitivité et cohésion sociale ne sont pas antinomiques », im Fontagné-Bericht Seite 16 f.


Das Wirtschaftsministerium bzw. das “Observatoire de la compétitivité” bieten den Fontagné-Bericht in einer gekürzten wie in einer ungekürzten Fassung zum Download an.

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Hamisso
2364 Kommentare
Vor 16 Jahren

"Die Eröffnung neuer, fremder oder einheimischer Märkte und die organisatorische Entwicklung vom Handwerksbetrieb und der Fabrik zu solchen Konzernen wie dem U.S.-Steel illustrieren den gleichen Prozess einer industriellen Mutation - wenn ich diesen biologischen Ausdruck verwenden darf -, der unaufhörlich die Wirtschaftsstruktur von innen heraus revolutioniert, unaufhörlich die alte Struktur zerstört und unaufhörlich eine neue schafft. Dieser Prozess der 'schöpferischen Zerstörung' ist das für den Kapitalismus wesentliche Faktum.
(...)
Das erste, was weichen muss, ist der überlieferte Begriff des modus operandi der Konkurrenz. Die Ökonomen entwachsen nun endlich dem Stadium, wo sie nur Preiskonkurrenz sahen und nichts sonst. Sobald die Qualitätskonkurrenz und der Kundendienst in die geheiligten Gefilde der Theorie zugelassen werden, ist die Preisvariable aus ihrer beherrschenden Stellung vertrieben.
(...)
In der kapitalistischen Wirklichkeit jedoch, im Unterschied zu ihrem Bild in den Lehrbüchern, zählt nicht diese Art von Konkurrenz, sondern die Konkurrenz der neuen Ware, der neuen Technik, der neuen Versorgungsquelle, des neuen Organisationstyps (zum Beispiel der großdimensionierten Unternehmungseinheit) - jene Konkurrenz, die über einen entscheidenden Kosten- oder Qualitätsvorteil gebietet und die bestehenden Firmen nicht an den Profit- und Produktionsgrenzen, sondern in ihren Grundlagen, ihrem eigentlichen Lebensmark trifft.
(...)
Es ist kaum nötig zu erwähnen, dass die Konkurrenz von der Art, wie wir sie nun im Sinne haben, nicht nur wirkt, wenn sie tatsächlich vorhanden, sondern auch wenn sie nur eine allgegenwärtige Drohung ist."

Joseph A. Schumpeter, "Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie",
UTB 172, S. 134 ff. (zuerst erschienen englisch 1942, deutsch 1946)

Schumpeter (1883 - 1950), in Österreich geboren, 1932 - 1950 Harvard University (USA)

Meffo
7081 Kommentare
Vor 16 Jahren

Heinz D. Kurz: Joseph A. Schumpeter - Ein Sozialökonom zwischen Marx und Walras.
78 Seiten, 12.00 EUR
ISBN 3-89518-508-6

Schumpeters Denken bewegt sich im Spannungsfeld zwischen der allgemeinen Gleichgewichtstheorie von Léon Walras und der Theorie der Kapitalakkumulation und der damit einhergehenden Entfaltung der sozialen Produktivkräfte von Karl Marx.
Heinz D. Kurz arbeitet heraus, wie Schumpeter als undisziplinierter Walrasianer beginnt und als disziplinierter Marxianer endet.

http://www.metropolis-verlag.de/cgi-local/katalog.cgi?id=508