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Eine neue Strategie für Luxemburg

Vom Steuerparadies zum wissensbasierten Dienstleister. Der Fontagné-Bericht setzt neue Akzente

Veröffentlicht par KaptanListe die 02/12/2004 | 2.150 Ansichten

Wenn eine Geschäftsleitung oder eine Regierung einen externen “neutralen” Berater einschaltet, darf man
zurecht skeptisch sein.
Gewöhnlich erhält der Auftraggeber nur für teures Geld dasjenige wiederholt, was er oder zumindest Otto Normalverstand sowieso schon weiß, aber nur die sog. “Entscheidungsträger” bislang nicht umzusetzen gewagt hatten.
Entweder verschwinden all die guten, wahren und teuren Worte hernach wieder in der Schublade. Oder es werden dann diese Gutachten nur als Rückendeckung verwandt für Entscheidungen, die man sowieso schon zuvor getroffen hat.

Es ist wohl ein Verdienst des Berichts des französischen Wirtschaftsprofessors im Auftrag der Tripartite, dass er nicht nur solche allgemein bekannten Wahrheiten über den Wirtschaftsstandort Luxemburg versammelt und aufs Neue ins rechte Bild gerückt hat.
Er setzt auch insofern bislang ungehörte Akzente, indem er Lösungsvorschläge etwa zur Koppelung von gesetzlichem Mindestlohn und von Maßnahmen zur beruflichen Fortbildung unqualifizierter Arbeitskräfte zur Diskussion stellt.

Es weiß mittlerweile wohl jeder, dass das Großherzogtum sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen darf, wenn es weiterhin seinen Spitzenplatz verteidigen möchte.

Die Lissabon-Strategie ist europäisch vorgezeichnet. Es weiß auch ein jeder in Luxemburg, dass im Hinblick auf Bildung, Ausbildung und Forschung, im Hinblick auf Informatik- und Verkehrsinfrastrukturen und eGovernment noch jede Menge zu tun ist.
Statt über nur relativ hohe Lohn- und Sozialkosten zu jammern, muss man jedoch auch damit beginnen, praktische Maßnahmen in Richtung Wissensökonomie umzusetzen und entsprechend zielgerichtet zu finanzieren.

Wer jammert, will nur auf billige Weise die von ihm abverlangte Anpassungsleistung an andere abschieben.
Denn die Wirtschaft ist immer ein Ganzes. Wer selbst nicht investiert, ist von den Investitionen der Anderen abhängig. Kurzfristig lässt sich auch davon gut leben. Aber höchstens das.

Bemerkenswert ist ferner, das der Bericht auch wieder einmal den Luxemburgern ins Bewusstsein ruft, dass sie wirtschaftlich schon immer in der Großregion leben. Statistiken der Wirtschaftsbeziehungen, der Mobilität der Bevölkerung oder auch der Verkehrsinfrastruktur, die an den Landesgrenzen aufhören, sind schlechterdings unbrauchbar fürs wirkliche Leben.

Auch die Abschottung des privatwirtschaftichen und des öffentlichen Arbeitsmarktes gegenüber dem europäischen und außereuropäischen Ausland wird in dem Bericht als Standortnachteil gewertet.

Überraschender Weise wird in dem Ökonomen-Bericht zur Konkurrenzfähigkeit Luxemburgs auch die Frage der Integration der erwerbsfähigen Bevölkerung in das politische System und damit auch die Frage der mehrfachen Staatsangehörigkeit als wichtige Grundfrage eingestuft.

Aber eigentlich auch klar:

Wenn der Beschäftigungsminister etwa ausschließlich von Luxemburger Wahlbürgern gewählt wird, hängt sein politischer Erfolg nur von der Arbeitslosenquote des Großherzogtums ab.

Während Ausländer und Grenzgänger in der Privatwirtschaft des Landes eine vorrangige Rolle spielen, sind sie als politische Größe so gut wie inexistent.

Und es fördert nicht gerade Reformen zur Öffnung der Wirtschaft nach außen, wenn Politiker in ihren Karrieren von
Wählern abhängen, die sie dafür abstrafen werden, dass sie deren gewonnenen Besitzstand gefährden.

Das Wirtschaftsministerium bzw. das “Observatoire de la compétitivité” bieten den Fontagné-Bericht in einer gekürzten wie in einer ungekürzten Fassung zum Download an.

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Anderswo im Internet

Hamisso
2364 Kommentare
Vor 16 Jahren

"Die Gewerkschaften OGBL, LCGB und CGFP haben den Bericht von Professor L. Fontagné über die Wettbewerbsfähigkeit Luxemburgs zur Kenntnis genommen.
Die Gewerkschaften begrüßen, dass der Bericht klarstellt, dass Wettbewerbsfähigkeit kein Ziel an sich ist, sondern Teil einer Gesamtpolitik, deren Ziel das Gemeinwohl und das Wohlbefinden der Bevölkerung sein muss. Entsprechend begrüßen die Gewerkschaften, dass die Liste der Wirtschaftsindikatoren breit gefasst ist und sich nicht auf Kostenfaktoren
beschränkt.
Die Gewerkschaften begrüßen des Weiteren, dass der Bericht von Professor L. Fontagné die insgesamt gute Ausgangsbasis Luxemburgs unterstreicht und echte Zukunftschancen für Luxemburg sieht. Die Vorschläge von Professor L. Fontagné, trotz verschiedener kritischer Äußerungen, die es zu hinterfragen gilt, stellen das luxemburgische Sozialmodell nicht mehr in Frage und die Vorschläge zielen auf eine allgemeine Verbesserung des Qualifizierungsniveaus unserer Bevölkerung ab, auf verstärkte Anstrengungen im Hochschul- und Forschungsbereich, auf eine Optimierung der Rahmenbedingungen für die Unternehmenstätigkeit in einer Wissensgesellschaft.
Die Gewerkschaften OGBL, LCGB und CGFP werden den Bericht sachlich diskutieren und eine detaillierte Stellungnahme vorbereiten, die sie zum gegebenen Zeitpunkt der Öffentlichkeit vorstellen werden und die, wie der Bericht von Professor L. Fontagné, einen Beitrag für die Diskussionen in der Tripartite bilden wird.
Des Weiteren protestieren OGBL, LCGB und CGFP gegen die Vorgehensweise von
Wirtschaftsminister Krecké den Bericht Fontagné in der Öffentlichkeit vorzustellen und zu diskutieren, bevor die Tripartite mit dem Bericht befasst wurde und eine Marschroute vorlegen konnte. Es sei daran erinnert, dass es eine Tripartite-Entscheidung war, einen dementsprechenden Bericht zur Wettbewerbssituation unseres Landes erstellen zu lassen."

Mitgeteilt von OGBL, LCGB und CGFP
am 1. Dezember 2004

http://www.ogb-l.lu/pdf/communiques/28/CP_commun_Fontagne.pdf

Hamisso
2364 Kommentare
Vor 16 Jahren

Die Sorgen der Luxemburger Wirtschaftspolitiker erscheinen hier in einem Satz zusammengefasst:
Der Export von Finanzdienstleistungen sinkt, die Löhne und Gehälter für Nicht Ansässige steigen.
Wenn man die genannte Gehaltssumme in Verhältnis setzt zur genannten Exportsumme, so ergibt sich innerhalb von 3 Jahren, von 2000 bis 2003, eine Veränderung von 21 % auf 32 %.
Anders formuliert:
Im Jahre 2000 betrugen die Gehälter für Grenzgänger 21 % des Exportumsatzes an Finanzdienstleistungen;
im Jahre 2003 jedoch 32 %, also fast schon ein Drittel.

[„Une des difficultés du modèle luxembourgeois transparaît dans ces chiffres :
de 2000 à 2003, le ratio des salaires versés aux non résidents aux exportations de services financiers a augmenté de moitié, passant de 21% à 32%.“
Rapport Fontagné, Seite 57]

edmar123
82 Kommentare
Vor 16 Jahren

Luxemburg du hast es besser, das sagt jemand der heute im deutschen Binnenland lebt. Ich wollte, wir hätten auch nur diese "Sorgen".

Meffo
7081 Kommentare
Vor 16 Jahren

Vielleicht wären die deutschen Sorgen von dieser bescheidenen Größe, wenn man sie sich etwas früher gemacht hätte - etwa zur Zeit der Wiedervereinigung.

Und wenn man Luxemburgs Wirtschaftsgeschichte betrachtet - so ist das ein kleines Bällchen, weltweit gesehen. Es hoppst hoch, es kann auch wieder tief hinunter fallen.
Man muss höllisch aufpassen, wenn man ständig auf dem Kamm der Welle surfen will.

Billy
4 Kommentare
Vor 16 Jahren

Du mußt es mal so sehen ... es könnte noch schlimmer kommen ...

Meffo
7081 Kommentare
Vor 16 Jahren

Grenzgänger interessierten sich so wenig für Luxemburg, wie Luxemburg für Grenzgänger.
Auf den Websites der Grenzgänger würden nur folgende Themen diskutiert:
Wetter, Verkehr, Geldfragen.

[„Si les frontaliers ne s’intéressent guère au Luxembourg, le Luxembourg ne s’intéresse pas particulièrement à eux non plus: sans droit de vote a Grand-Duché (sauf pour les chambres professionelles), ils sont un peu sans voix aussi.
Sur les sites spécialisés comme www.lesfrontaliers.lu, on discute météo, trafic et sous avant tout.“

Josée Hansen, „Tête de frontalier,“ „d’Land“, www.land.lu, 10.12.2004]

Wenn Grenzgänger nur an €, €, € , ...denken, dann haben sie ja zumindest dieses mit Luxemburg gemeinsam.
Muss man sich denn nicht bei jeder Beziehung für das Eine entscheiden – Geld oder Liebe?

Hamisso
2364 Kommentare
Vor 16 Jahren

„Vor allem aber schneiden die Kanadier dort gut ab, wo das deutsche Schulsystem besonders kläglich scheitert:
Der Schulerfolg ist fast gänzlich von der sozialen Herkunft entkoppelt; die Zuwandererkinder leisten nicht weniger als die Einheimischen. Der Anteil der Risikoschüler, die über simpelste Aufgaben nicht hinauskommen, ist nur etwa halb so groß wie in Deutschland - und das, obwohl die Kanadier weniger Geld pro Kind in ihre weiterführenden Schulen pumpen als die Deutschen“

http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,332416,00.html