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Hintergrund zum “Lidl”-Schwarzbuch

Einzelheiten aus einem Buch, zu welchem man bislang in der Luxemburger Presse lediglich die Dementis der Geschäftsleitung erfahren durfte

Veröffentlicht par KaptanListe die 14/12/2004 | 5.017 Ansichten

Der Autor Andreas Hamann und die Co-Autorin Gudrun Giese haben die letzten Monate mit über hundert Beschäftigten Gespräche geführt. Unter den Gesprächspartnern waren Lidl-Beschäftigte, aber auch Ehemalige sowie weitere Betroffene aus dem Handelskonzern Schwarz mit dessen Kaufhauskette Kaufland/Handelshof. Die Erkenntnisse werden ergänzt durch bundesweite Filialbesuche und Beschäftigtenkontakte aus den vergangenen Monaten. Zusammengerechnet ergibt sich das im Schwarz–Buch gezeichnete Bild aus Erfahrungsberichten aus mehr als 250 Lidl–Filialen in verschiedenen Teilen Deutschlands.

Wirtschaftliche Daten und Unternehmensangaben konnten bislang nur geschätzt werden. Der Schwarz-Konzern hat bis heute Informationen und Gespräche beinahe durchgängig verweigert. Bilanzen oder Jahresabschlüsse wurden bislang nicht offengelegt. Im Zuge der Aktivitäten von ver.di gab der Konzern vor wenigen Tagen erstmalig Zahlen bekannt und nimmt zu den ver.di -Vorwürfen Stellung.


Klima der Angst

Besonders auffällig ist bei Lidl das Klima der Angst, das von den vorgesetzten Verkaufsleitern geschürt wird. Weitaus mehr als in anderen Unternehmen ist Angst zentrales Instrument der Personalführung.

Bespitzelung, Arbeitshetze, zum Teil unbezahlte Arbeitszeit vor und nach den Öffnungszeiten sowie gravierende Mängel im Gesundheitsschutz gehören für die rund 30.000 Beschäftigten zum Arbeitsalltag bei Lidl.


Bespitzelung und Kontrollen

Die Bespitzelung bei so genannten Spätkontrollen, die nach Lidl-internen Vorgaben mindestens einmal in der Woche stattfinden sollen und bei denen sogar die PKW‘s der Beschäftigten kontrolliert werden, stellt sämtliche Lidl-Beschäftigte ständig unter einen generellen Diebstahlsverdacht. Gängig sind Durchsuchungen des Spindes, Durchsuchungen der Kittel und der privaten Taschen. In den Filialen werden immer wieder Videokameras ohne Wissen der Beschäftigten zum Zweck der Mitarbeiterüberwachung eingerichtet. Werden Beschäftigte krank, sind Kontrollanrufe und sogar Besuche von Vorgesetzten keine Seltenheit.


Gnadenlose Arbeitshetze und Leistungsdruck

Auffällig ist die gnadenlose Arbeitshetze an den Kassen und bei der Verräumung von Waren. Die Beschäftigten erhalten strenge Leistungsvorgaben und werden dabei regelmäßig kontrolliert. Bei Lidl wurde in all den Gesprächen niemand gefunden, der/die seine/ihre Pausenzeiten richtig in Anspruch nehmen kann. Schon ein kurzer Gang zur Toilette ist z. B. für viele Kassiererinnen Luxus, den sie sich wegen des Arbeitspensums von mindestens 40 Scann-Vorgängen pro Minute und des Drucks bei Nichterreichen kaum leisten.


Unbezahlte Mehrarbeit und kurzfristige Arbeitseinsätze

Unbezahlte Mehrarbeit ist bei Lidl vor und nach der Ladenöffnung verbreitet, obwohl es von Zeit zu Zeit Anweisungen gibt, alle Überstunden aufzuschreiben. Oft erreichen die Filialbelegschaften inkl. Filialleitung die Leistungsvorgaben mit der vorhandenen Zeit nicht und bleiben lieber länger, bevor sie Abmahnungen oder Druck in anderer Form in Kauf nehmen müssen. Nach unseren Erkenntnissen ist unbezahlte Mehrarbeit keinesfalls eine Ausnahmeerscheinung.
Kurzfristige Arbeitseinsätze und Änderungen im Einsatzplan sind wegen chronischer Unterbesetzung an der Tagesordnung. Anwesenheit bis in die späten Abendstunden hinein, um den Laden zu säubern oder Aktionsware aufzubauen sowie Anrufe an Freizeittagen oder im Urlaub, mit der Aufforderung kurzfristig einzuspringen, belasten vor allem Frauen mit Familie und Kindern zusätzlich.


Austausch von Stammpersonal gegen billige Arbeitskräfte

Besonders auffällig ist, dass langjährige Beschäftigte offenbar systematisch herausgedrängt werden, weil sie zu teuer geworden sind und durch billigeres Personal, vor allem ungelernte Teilzeitkräfte und in Mini-Jobsbeschäftigten, ersetzt werden. Dabei arbeitet das Unternehmen bevorzugt mit gezielten Testkäufen, Versetzungen in weit entfernte Filialen oder Mobbing, um Betroffene dazu zu bringen, ihre Tätigkeit aufzugeben.


Verhinderung der Bildung von Betriebsräten

Die von Lidl wohl absichtlich unüberschaubar gehaltene Struktur des Unternehmens erschwert bei mehr als 600 verschiedenen Gesellschaften die Bildung von Betriebsräten, Jugend- und Auszubildendenvertretungen sowie die Vertretung von Schwerbehinderten enorm. Drohungen, Personal auszutauschen oder zu entlassen, falls es die Bereitschaft gäbe, einen Betriebsrat zu gründen, sind bei Lidl offenbar gang und gäbe. Ein anderer Trick des Unternehmens, starke Interessenvertretungen zu verhindern, ist die unternehmensrechtliche Ausgliederung von Filialen. So verhindert Lidl, dass Beschäftigte einer regionalen Niederlassung gemeinsame Betriebsräte für alle Filialen, das regionale Lager und dessen Verwaltung wählen können. Im Schwarz-Buch Lidl wird dazu das Lehrbeispiel Unna in Nordrhein-Westfalen vorgestellt.


Aufhebungsverträge und Eigenkündigungen

Im gesamten Bundesgebiet gibt es Beispiele von Eigenkündigungen nach Gesprächen, in denen die Betroffenen unter großem Druck entweder Aufhebungsverträge oder Eigenkündigungen unterschrieben. Häufig handelt es sich um für Lidl offenbar zu teure Beschäftigte, doch gibt es weitere Gemeinsamkeiten: Viele der Beschäftigten sind unbequem geworden, weil sie sich für die Bezahlung von Überstunden, faire Behandlung und Respekt von Vorgesetzten oder andere Selbstverständlichkeiten eingesetzt haben.

Viele der Betroffenen bekommen, falls sie klagen, im Nachhinein vor dem Arbeitsgericht Recht. Fristlose Kündigungen werden in fristgerechte umgewandelt, Abfindungen werden gezahlt. Es gibt sogar Entscheidungen, die die Rückkehr in den Discounter möglich machen würden. Davon wird bisher, ohne einen Schutz durch Betriebsräte in den Filialen, aber kaum Gebrauch gemacht. Zu groß sind die Diffamierungen und der Druck, solange die Beschäftigten ihren Vorgesetzten alleine gegenüber stehen.

Ab sofort zu bestellen:

Schwarz-Buch Lidl

ver.di gmbh medien buchhandel verlag,

ISBN – Nr. 3-932349-12-1,

Preis 8 € zzgl. Versandkosten

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Für Lidl – Beschäftigte hat ver.di bundesweit vom 10. Dezember bis Weihnachten Hotline 01802-220055 geschaltet. Betroffene bekommen Infos und Ansprechpartner vor Ort.

Quelle:

“Schwarz-Buch Lidl deckt auf“

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LION73
14 Kommentare
Vor 16 Jahren

Die Vorgehensweise wundert mich nicht. Man betrachte sich nur mal den Ausdruck in den Augen der Kassiererinnen und vergleiche das mal mit ALDI-Kassiererinnen. Ein Unterschied wie Himmel und Hölle.
Außerdem fällt mir z.B. schon seit Jahren auf, daß ständig ein neuer Filialleiter für die LIDL-Filiale in Friedrichsthal (und nicht nur dort) gesucht wird. Man frage sich warum! Bestimmt nicht, weil man dort so schnell befördert wird, und wenn dann nur nach draußen. Ich habe selbst schon gehört, was in Friedrichsthal los ist - da ist eine Folterkammer noch eine Wohltat!

Diese Vorgehensweisen gegen Arbeitnehmer ist leider erst der Anfang einer Verbreitung moderner Sklaverei. Firmeninhaber üben Druck aus auf ihre Untertanen und die wiederum geben diesen Druck weiter an die Bauern. LEIDER.
Solange wir, "das Fußvolk", nicht dagegen geschlossen antreten, werden solche Schlagzeilen keine Seltenheit bleiben --> Bahn frei für die moderne Sklaverei!

In meinen Augen ein klares Zeichen der Unsicherheit und Inkompetenz dieser Firmeninhaber aber Geld regiert eben die Welt.

Aber Kopf hoch, es kommen auch wieder bessere Zeiten!

Hamisso
2364 Kommentare
Vor 16 Jahren

Seit Ver.di im Lidl-Schwarzbuch die Arbeitsbedingungen bei der Handelskette anprangerte steht der Konzern unter verschärfter öffentlicher Beobachtung. Nun will die Gewerkschaft ähnliche Dossiers über weitere Discounter vorbereiten. Auch Lidl droht wieder Ungemach.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,338465,00.html

Hamisso
2364 Kommentare
Vor 16 Jahren

„Wer als Arbeitnehmer öffentlich solche Äußerungen über seine Firma macht, riskiert nicht nur in den USA, kündigungsrechtlich ohnehin ein Arbeitgeberparadies, sondern auch in Deutschland die fristlose Kündigung. Juristen raten Weblog-Schreibern grundsätzlich zu großer Vorsicht. Zwar hat das Bundesverfassungsgericht das Recht auf Meinungsfreiheit am Arbeitsplatz bejaht, aber die Abwägung mit den Treuepflichten gegenüber dem Arbeitgeber hängt von den konkreten Umständen des Einzelfalls ab und kann daher für Blogger negativ ausfallen.
"Die entscheidenden Fragen lauten: War die Kritik sachlich? In welcher Form und in welchem Rahmen wurde sie geäußert? War es angemessen, sie an die Öffentlichkeit zu bringen und wurde sie zuvor intern vorgebracht?" sagt Steffen Krieger, Arbeitsrechtsanwalt der Kanzlei Gleiss Lutz. Ist die Äußerung geeignet, das Vertrauensverhältnis zwischen Unternehmen und Mitarbeiter zu zerstören, so darf fristlos gekündigt werden.
"Sobald die Kritik öffentlich gemacht wird, gelten strengere Regeln als wenn sie intern im Unternehmen vorgebracht wird", sagt Christian Donle, Experte für Arbeitsrecht und Internet-Recht in der Kanzlei Preu Bohlig & Partner. Er rät zu einem nüchternen und objektiv-neutralen Stil der Berichterstattung über Missstände im Betrieb. Doch selbst dann droht im Falle eines Prozesses das zweischneidige Schwert der Beweiserhebung. "Die Tatsachen, die im Weblog geschrieben werden, müssen nachweislich wahr sein", betont Arbeitsrechtsprofessor Stephan Pfaff von der Fachhochschule Westküste in Heide.“
„Kritik am Chef im Weblog führt leicht zur Kündigung“, Ulrich Hottelet 25.04.2005,
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/19/19945/1.html

Meffo
7081 Kommentare
Vor 15 Jahren

"Berlin, August 2005: LiDL fährt die extrem harte Linie: Mit Kündigung, Filialschließung und Ausgliederung aus dem Unternehmen geht der Konzern gegen Verkäufer/innen in Calw (Baden-Württemberg), Forchheim und Bamberg (Bayern) vor, die sich bei Streiks und der Wahl von Betriebsräten für ihre Rechte, ihre Tarifverträge und bessere Arbeitsbedingungen in den Filialen einsetzen.

In München wurde Ende Juli die Wahl eines Betriebsrates von LiDL verhindert, die Initiatorin fristlos gekündigt. Mitbestimmung und Betriebsräte wurden bislang vom Konzern systematisch verhindert. Jetzt soll der Total-Ausverkauf von Grundrechten bei LiDL stattfinden."

http://lidl.verdi.de.

Meffo
7081 Kommentare
Vor 15 Jahren

15:06 - 29.09.05 (DDP)

DJV: BNN-Redakteurin wegen Bericht über Lidl fristlos entlassen

In dem Ende August erschienenen Artikel berichtet die Journalistin über einen Besuch im Lidl-Zentrallager im baden-württembergischen Bietigheim.
Dabei schildert sie die Arbeitsbedingungen im Kühlhaus sowie die hohe Fluktuation unter den Mitarbeitern.

Meffo
7081 Kommentare
Vor 15 Jahren

"Things were looking distinctly promising a little over a month ago, when Wal-Mart threw considerable energy into volunteer efforts in the immediate aftermath of Hurricane Katrina in Louisiana and Mississippi. In stark contrast to both the federal and state governments, Wal-Mart was present with containers full of fresh water, food and medical supplies.
That was followed in mid-October by a flurry of touchy-feely proposals by Mr Scott - to make Wal-Mart stores more energy-efficient, to make health care at least ostensibly more accessible to his employees, and to lobby politicians for an increase in America's minimum wage, which has glaringly failed to keep up with inflation for more than 20 years.
But all the careful public relations work was demolished by the leak of an internal memo last week which acknowledged some shocking home truths about Wal-Mart - including the fact that 46 per cent of the children of company employees either had no health insurance or relied on emergency government programs nominally set up for the indigent and unemployed. The memo, written by Wal-Mart's executive vice-president for benefits in conjunction with the management consultants McKinsey, also showed the true purpose of rearranging the company's health plan was to cut costs further.
Sure enough, close examination of the health plan revealed that, while monthly insurance payments were being lowered in some cases, they came with a hefty deductible that many company employees were unlikely to be able to afford. The memo went so far as to suggest adding a physical element to sedentary jobs such as cashiering to deter unhealthy people from applying.
This week sees the arrival of a whole new public relations nightmare, in the shape of a documentary film which has already become an organizing tool for anti-Wal-Mart activists across the country. Called "Wal-Mart: The High Cost of Low Price", it was made by Robert Greenwald, a prominent Hollywood liberal who has pioneered a new form of viral marketing in which politics and film promotion are merged, and screenings are arranged - often simultaneously - everywhere from private house parties to traditional cinema outlets."

Wal-Mart: Is This the Worst Company in the World?
by Andrew Gumbel
[Published on Wednesday, November 2, 2005 by the Independent / UK]
http://www.commondreams.org/headlines05/1102-06.htm

Hamisso
2364 Kommentare
Vor 15 Jahren

Praxisseminar von Rechtsanwalt Dirk Schreiner.
Die Teilnahme kostet 695 Euro, steuerlich absetzbar.
Außerdem im Angebot:
"In Zukunft ohne Betriebsrat – Wege zur Vermeidung, Auflösung und Neuwahl"

Arbeitsleben
Alle unter Kontrolle
Ob Lidl, Schlecker oder Aldi - bei den Discountern regieren die Patriarchen. Und die Mitarbeiter dürfen nur eines: Funktionieren
Von Marcus Rohwetter
http://www.zeit.de/2005/47/Fiese_Arbeit-Alternative?page=1

Meffo
7081 Kommentare
Vor 13 Jahren

"Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di hat in Böblingen Strafanzeige gegen die Drogeriemarktkette Schlecker wegen Behinderung der Betriebsratswahl eingereicht. (...)

Schlecker erklärte, die in Böblingen und Stuttgart ausgesprochenen Kündigungen stünden in keinerlei Zusammenhang mit den gleichzeitig dort stattfindenden Bestrebungen zur Bildung von Betriebsräten."

http://www.swr.de/nachrichten/bw/
-/id=1622/nid=1622/did=2708588/17j0y6x/index.html